Eine Perspektive durch das Handwerk

Abdirizak Mahamud Ahmed hätte nie gedacht, dass er einmal Handwerksmeister werden würde

Das Leben von Abdirizak Mahamud Ahmed änderte sich durch die Ausbildung im Handwerk grundlegend. Foto: HWK Wiesbaden

3.02.2020

(hwk) Die Familie hinter sich lassen, aus der Heimat flüchten und ein neues Leben beginnen: All das hat Abdirizak Mahamud Ahmed aus Mogadischu vor zehn Jahren auf sich genommen . Er floh vor Krieg und Gewalt aus seinem Geburtsland Somalia und fand Zuflucht in Gießen. Heute hat der 34-Jährige eine Frau, drei Kinder und einen eigenen Betrieb . Wie sich sein Leben auch durch eine Ausbildung im Handwerk veränderte, berichtet er in einem Interview. 

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Meisterbrief im Maler- und Lackiererhandwerk sowie Ihrer Betriebsgründung! Was hat Sie dazu bewegt, die Meisterschule zu besuchen? 

Es waren meine Frau und ein guter Bekannter, die mich dazu motiviert haben, nach der Ausbildung noch die Meisterschule zu besuchen. Ich habe nach meiner Ausbildung ehrlich gesagt nicht direkt daran gedacht. 

Wie kam es denn dazu, dass Sie sich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden haben?

Ich hätte nie geahnt, dass ich Handwerker werden würde. Aber als ich nach Deutschland gekommen bin, wollte ich mein eigenes Geld verdienen. „Dann geh doch ins Handwerk“ hörte ich daraufhin. Also habe ich im Jahr 2010 ein zweimonatiges Praktikum bei einer Baufirma absolviert. Dann wurde ein 20-jähriger Malergeselle mein Vorgesetzter. Da realisierte ich: Ich bin jetzt 30 Jahre alt und wenn ich mich nicht weiterbilde, werde ich immer auf diesem Niveau bleiben. Und ich wollte unbedingt weiter kommen.

Wie haben Sie es geschafft, Ihren Wunsch zu realisieren?

So ziemlich alle Leute, denen ich begegnete, haben mich ausgelacht, wenn ich sagte, ich würde gerne eine Ausbildung zum Maler und Lackierer machen. „Das schaffst du nicht“, war immer die Antwort. Doch ich wusste von Beginn an, dass ich es kann. Also habe ich an der Volkshochschule in Wetzlar einen Kurs belegt, wo ich gelernt habe, wie man Bewerbungen schreibt. Dann habe ich mein Fahrrad genommen und insgesamt 82 Bewerbungen persönlich bei Maler- und Lackierer-Betrieben vorbeigebracht. Nicht eine einzige Rückmeldung habe ich daraufhin erhalten. Das fand ich ehrlich gesagt nicht so gut, aber Aufgeben kam nicht in Frage. So nahm ich, außer zu Judith Rutenbeck von der Handwerkskammer Wiesbaden, auch Kontakt zur Nachbarschaftshilfe in Wetzlar auf. Ich erhoffte mir, durch möglichst viel Unterstützung doch noch einen Ausbildungsplatz zu finden.

Und in welchem Betrieb haben Sie letztendlich Ihre Ausbildung machen können?

Bei „Andymen Maler mit Stern“ in Butzbach. Im August 2015 konnte ich dort als Lehrling beginnen. Die Lehre habe ich in der Regelzeit abgeschlossen.

Wie haben Sie die deutsche Sprache erlernt?

Ein Vorteil war sicherlich, dass ich gut lesen und schreiben kann und einige Sprachen spreche. Durch meine Flucht habe ich gelernt, mich neben somalisch und englisch auch noch auf italienisch, französisch und arabisch zu unterhalten. Um sich in einem neuen Land zu integrieren, ist die Sprache meiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg. Um mein Sprachgefühl zu verbessern, stellte ich beispielsweise das Radio und den Fernseher auf deutsche Sender ein. Zusätzlich nahm ich an einem Projekt zur Integration vom Internationalen Bund teil.

Was motiviert Sie bei Ihrer täglichen Arbeit?

Mich hat definitiv geprägt, wie schwer es anfangs war, einen Ausbildungsplatz zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen sich gegenseitig helfen sollten. Daher habe ich mich auch dazu entschlossen, meinen Meister zu machen. So kann ich zukünftig ausbilden und Leuten damit helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich möchte meinen Meisterbrief nicht nur an der Wand hängen haben, sondern ich möchte damit wirklich etwas bewirken.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Qualitätssiegel Marke „Meisterbetrieb – Handwerkskammer Wiesbaden“?

Ich nutze die Marke seit Kurzem und habe davon auch einen Aufkleber auf meinem PKW. Die Leute halten sich, glaube ich, dadurch schon etwas mit negativen Äußerungen zurück. Ein Kunde hat mich einmal gefragt „Wie haben Sie das geschafft?“ – man merkt, einige Kunden werden dann auch neugierig und fragen mich nach meinem Werdegang. Das freut mich natürlich sehr.